Vor drei Jahren rief mich ein Kollege an, zwei Wochen bevor sein Interim-Marketingleiter das Unternehmen wieder verließ. Sechs Monate hatte der Mann das Team geführt, ein Reporting aufgesetzt, die Kampagnenplanung neu sortiert. Dann war der Vertrag zu Ende.
Mit ihm ging fast alles, was in dieser Zeit entstanden war. Es stand nirgendwo. Es steckte in seinem Kopf.
Genau dieses Muster wird laut einer Gartner-Prognose zum Normalfall. Über 30 Prozent der mittelständischen Unternehmen sollen bis 2027 dauerhaft mindestens einen Fractional Executive auf Retainer haben, nicht als Übergangslösung, sondern als festen Bestandteil ihrer Struktur.
Ich lese diese Zahl nicht als Personalthema. Ich lese sie als Architekturfrage.
Wenn Führung planmäßig wechselt
Wer internationale Kampagnen-Frameworks über mehrere Regionen verantwortet, kennt das Problem aus einer anderen Richtung: Menschen wechseln ohnehin. Verantwortlichkeiten wandern von einem Marketingleiter zum nächsten, von einer Agentur zur nächsten, von einem internen Team zu einem externen. Fractional Leadership macht diesen Wechsel nur regelmäßiger und schneller.
Ein System, das nur funktioniert, solange eine bestimmte Person es bedient, ist kein System. Es ist eine Abhängigkeit mit Deckblatt.
Gartner: 30%+ of midsize enterprises will have at least one fractional executive on retainer by 2027. That’s the threshold at which a hiring practice stops being a trend and becomes structural.“ Quelle: Vendux, Mai 2026
Was tatsächlich tragen muss
Governance, die nicht an eine Person gebunden ist. MQL-Definitionen, die dokumentiert sind statt mündlich weitergereicht. Reporting-Standards, die ein neuer Verantwortlicher am ersten Tag versteht, ohne den Vorgänger anzurufen. Automatisierungslogik in Salesforce oder HubSpot, die nachvollziehbar bleibt, auch wenn niemand mehr da ist, der sie gebaut hat.
Ein mittelständischer Maschinenbauer, mit dem ich vor Kurzem über genau dieses Thema gesprochen habe, hatte drei Marketingleiter in vier Jahren. Jeder hat das Lead-Scoring neu erfunden, weil keiner wusste, wie das Modell des Vorgängers eigentlich kalibriert war. Das Ergebnis: Vertrieb und Marketing stritten sich über die Qualität von Leads, die nach drei verschiedenen, undokumentierten Logiken bewertet worden waren.
Das ist kein Ausnahmefall. Das ist der Normalzustand vieler Marketingabteilungen, nur dass Fractional Leadership ihn jetzt sichtbar macht.
Die Perspektive, die verloren geht
Meine These bleibt dieselbe, ob die Führung fest angestellt oder fractional ist: Teams verlieren im Alltag die Perspektive der Zielgruppe. Bei wechselnder Führung passiert das schneller, weil niemand lange genug bleibt, um die eigenen Annahmen infrage zu stellen. Jeder neue Fractional Executive bringt seine eigenen Annahmen mit und baut auf ihnen auf, statt sie zu prüfen.
Governance ohne diese Prüfung ist nur Bürokratie mit gutem Gewissen.
Der Kollege von damals hat inzwischen ein Onboarding-Dokument für jeden künftigen Interim-Verantwortlichen bauen lassen: Scoring-Logik, Kampagnenkalender, Kontaktpunkte im Vertrieb, alles nachvollziehbar ohne Rückfrage. Es kam zu spät für den einen Mitarbeiter. Für den nächsten Wechsel steht es bereit.
