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Wenn AI gegen AI antritt

Was passiert, wenn Buyer-Agenten auf Seller-Agenten treffen – und was bleibt dann noch die Funktion von Marketing?

In einem Meeting vor einigen Wochen zeigte mir ein Kollege stolz seine neue Outreach-Automation. Ein AI-SDR, der eigenständig LinkedIn-Profile analysiert, personalisierte Nachrichten verfasst und Folgekontakte plant. Das System lief bereits drei Wochen und hatte über 400 Erstkontakte generiert. Die Antwortquote: unter einem Prozent.

Auf meine Frage, was er sich dabei gedacht habe, sagte er: „Wir müssen skalieren.“ Er meinte Volumen. Mehr Botschaften, mehr Kontakte, mehr Pipeline. Was er nicht wusste: Mindestens ein Teil seiner Zielliste verwendete bereits Tools, die eingehende Nachrichten automatisch nach Priorität sortieren – und Massen-Outreach systematisch herausfiltern.

Zwei Maschinen. Keine Unterhaltung. Nur Rauschen.

Das ist kein Einzelfall. Es ist das Muster, das sich gerade über den gesamten B2B-Markt legt – und die meisten Unternehmen stehen noch auf derselben Seite wie mein Kollege. Sie optimieren ihre Seller-Seite, ohne zu bemerken, dass auf der Buyer-Seite längst aufgerüstet wird.

Die Prognose, die kaum jemand ernst nimmt

Gartner prognostiziert, dass bis 2028 über 90 Prozent aller B2B-Käufe durch AI-Agenten vermittelt werden – ein Transaktionsvolumen von mehr als 15 Billionen Dollar, das durch automatisierte Exchanges läuft, mit machine-to-machine Verhandlung und Datenverfizierung als Standard.

Das ist keine Zukunftsphilosophie. Das ist eine Strukturveränderung mit konkretem Zeithorizont. Und Salesforce CEO Marc Benioff hat das bereits in den Kern seiner Produktstrategie übersetzt: Agentforce ist gebaut für genau diese Welt, in der autonome Agenten im Namen von Unternehmen kaufen und verkaufen.

„AI agents will outperform human sellers tenfold by 2028“ – Gartner, zitiert nach Fortune, April 2026.
Quelle: fortune.com, 18. April 2026

Die Frage ist nicht ob das kommt. Die Frage ist, welche Seite Ihr Unternehmen zu dem Zeitpunkt eingenommen hat – und ob Ihre Marketinginfrastruktur überhaupt lesbar ist für das, was kommt.

Die Verschiebung, die kaum diskutiert wird

Wenn man in Marketingkreisen über AI spricht, geht es fast immer um Effizienz. Schnellere Content-Produktion, günstigere Bildgenerierung, automatisierte Reportings. Das ist real, aber es ist die falsche Perspektive für das, was strukturell passiert.

Die eigentliche Verschiebung betrifft die Wettbewerbsachse. Bisher haben Unternehmen um Customer Experience konkurriert: Welche Marke erzählt die bessere Geschichte? Welches Interface ist intuitiver? Welche Kampagne bleibt im Gedächtnis? Diese Achse wird durch Agentic Commerce nicht unwichtig, aber sie verliert Gewicht gegenüber einer neuen Dimension: Agent Experience.

Buyer-Agenten optimieren nicht nach Markenwahrnehmung. Sie optimieren nach Preis, Lieferzeit, Verfügbarkeit, Zertifizierungen, Rückgabekonditionen und Compliance-Dokumentation. Sie fragen nicht, ob der LinkedIn-Auftritt überzeugend war. Sie fragen, ob die API antwortet, ob die Produktdaten vollständig und maschinenlesbar sind, ob das Unternehmen in verifizierten Datenquellen als zuverlässiger Lieferant geführt wird.

Das ist eine fundamentale Umkehrung. Jahrelang haben Marketingteams Produktkataloge für Keyword-Suche optimiert. Jetzt müssen sie für Conversational AI umgebaut werden. Die meisten Kataloge, die ich sehe, sind dafür nicht gerüstet. Unstrukturierte Beschreibungen, inkonsistente Einheiten, fehlende technische Attribute. Ein menschlicher Einkäufer kann damit umgehen. Ein Agent bricht ab.

Der Widerspruch, der den Markt trifft

Hier liegt das eigentliche Problem, und es ist ein Problem, das sich die meisten Unternehmen selbst gebaut haben. Auf der Seller-Seite wird AI eingesetzt, um Volumen zu erzeugen – mehr Outreach, mehr personalisierte E-Mails, mehr automatisierte Touchpoints. Gleichzeitig rüsten Buyer-Agenten auf der anderen Seite mit immer aggressiveren Filtern aus, die genau dieses Volumen heraushalten sollen.

„Weniger als 40 Prozent der Verkäufer berichten, dass AI-Agenten ihre Produktivität tatsächlich verbessert haben.“ – Demand Gen Report, B2B Trends Research 2026
Quelle: demandgenreport.com, 2026 B2B Trends Research Report

Das ist keine Überraschung. Es ist das vorhersehbare Ergebnis, wenn beide Seiten gleichzeitig automatisieren, ohne die andere Seite zu verstehen. Der AI-SDR sendet, der Buyer-Agent filtert. Kein Mensch ist beteiligt, kein Wert wird geschaffen. Nur Infrastrukturkosten auf beiden Seiten.

Ich sehe das in meiner eigenen Arbeit. Wenn wir Lead-Scoring-Modelle aufsetzen oder Nurturing-Strecken konfigurieren, ist die ehrliche Frage immer: Optimieren wir für den Moment, in dem ein Mensch entscheidet – oder für den Moment, in dem ein Agent selektiert? Beides gleichzeitig zu bedienen erfordert unterschiedliche Logiken, unterschiedliche Datenstrukturen, unterschiedliche Trigger.

Was bleibt dann noch die Funktion von Marketing?

Das ist die Frage, die CMOs jetzt stellen sollten – und die die meisten noch nicht stellen. Nicht weil sie es nicht wollen, sondern weil der Alltag des Teams die Sicht verstellt. Man optimiert das nächste Quartal, man liefert Leads, man dreht an Conversion-Rates. Die strukturelle Frage, ob das alles noch die richtige Arbeit ist, kommt nicht vor.

Nach meiner Einschätzung bleibt Marketing vier Dinge, die kein Automatisierungstool allein generieren kann.

Erstens: Vertrauen als verifizierbares Signal. Buyer-Agenten werden Vertrauen nicht aus Markenstories ableiten. Sie werden es aus Zertifizierungen, Bewertungen auf verifizierten Plattformen, Referenzkunden, Compliance-Nachweisen und Lieferperfomance-Daten ableiten. Marketing muss diese Signale aufbauen und systematisch pflegen – nicht als PR-Maßnahme, sondern als Dateninfrastruktur.

Zweitens: Präsenz in AI-Quellen. Wenn Buyer-Agenten Informationen über einen Lieferanten abrufen, fragen sie nicht Google. Sie fragen ihre eigenen Datenquellen und die Modelle, auf die sie zugreifen. Ob ein Unternehmen dort vorkommt – und mit welchen Attributen – ist eine neue Form von SEO, für die die meisten Teams noch keine Strategie haben.

Drittens: Datenqualität als Wettbewerbsvorteil. Unternehmen, die heute strukturierte, vollständige, maschinenlesbare Produktdaten haben, werden von Buyer-Agenten bevorzugt – nicht wegen der Marke, sondern weil sie weniger Fehlerquellen darstellen. Das klingt nach IT-Thema. Es ist ein Marketingthema.

Viertens: Die menschliche Entscheidung, die bleibt. Nicht jeder B2B-Kauf wird vollständig automatisiert. Komplexe Investitionen, strategische Partnerschaften, langfristige Verträge mit hohem Risiko – da sitzt am Ende noch ein Mensch. Für genau diese Momente muss Marketing die Grundlage geschaffen haben: Glaubwürdigkeit, klare Positionierung, eine Antwort auf die Frage „Warum ihr?“, die ein Mensch versteht.

Was Unternehmen heute tun müssen

Agentic Commerce ist kein Projekt für 2027. Die Infrastruktur, die dafür nötig ist, braucht Vorlauf. Und der Vorlauf beginnt jetzt, mit drei konkreten Maßnahmen.

Strukturierte Produktdaten. Jedes Produkt, jede Dienstleistung, jeder Vertrag muss in maschinenlesbarer Form vorliegen. Nicht als PDF-Datenblatt. Als strukturiertes Datenobjekt mit einheitlichen Attributen, verknüpft mit Preisdaten, Verfügbarkeit und Zertifizierungen. Wenn Sie heute einen Katalog-Audit machen und ehrlich bewerten, wie viele Ihrer Einträge ein Agent fehlerfrei verarbeiten könnte, werden Sie die Zahl kennen, die Sie motivieren sollte.

API-Infrastruktur. Buyer-Agenten werden nicht auf Ihrer Website navigieren. Sie werden Ihre Systeme direkt abfragen. Ob Ihr ERP, Ihr CRM und Ihre Bestellsysteme API-fähig sind und ob diese APIs dokumentiert, stabil und zugänglich sind, ist eine Grundvoraussetzung, um überhaupt im Auswahlprozess zu erscheinen. Das ist keine optionale Zukunftsinvestition. Das ist Zugangsberechtigung.

Dokumentierte Vertrauenssignale. Zertifizierungen, Lieferperformance-Daten, Referenzkunden, Bewertungen auf B2B-Plattformen, Compliance-Nachweise. Alles, was ein Agent abfragen kann, um Verlässlichkeit einzuschätzen. Marketingteams müssen verstehen, welche Signale Buyer-Agenten bewerten – und sicherstellen, dass diese Signale aktuell, vollständig und auffindbar sind. Das ist eine andere Arbeit als eine LinkedIn-Kampagne. Es ist die wichtigere.

Die Perspektive, die fehlt

Ich arbeite an der Schnittstelle von Marketing, CRM und Vertrieb. Ich sehe beide Seiten: wie Seller-Systeme gebaut werden und was Buyer-Organisationen tatsächlich bewerten. Was mir in den meisten Diskussionen über AI und B2B fehlt, ist genau diese Doppelperspektive.

Die meisten Artikel über AI im Vertrieb sind aus der Seller-Perspektive geschrieben. Mehr Effizienz, mehr Pipeline, mehr Skalierung. Was fehlt, ist die nüchterne Analyse der Buyer-Seite: Was bewertet ein Procurement-Agent? Was filtert er heraus? Welche Datenpunkte sind entscheidend? Welche Signale fehlen, wenn ein Anbieter keinen strukturierten Datenkatalog hat?

Die Unternehmen, die das früh verstehen, werden einen Vorteil haben, der sich nicht durch Budgeterhöhungen einholen lässt. Nicht weil sie besser werben. Sondern weil sie besser lesbar sind.

Mein Kollege mit dem AI-SDR fragt sich noch immer, warum seine Antwortquoten so niedrig sind. Die Antwort ist einfach: Auf der anderen Seite der Leitung ist niemand mehr, der antwortet. Nur ein weiterer Agent, der nicht gefunden hat, was er gesucht hat.

Und das ist das eigentliche Problem.

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